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Ende der Party - Die Finanzmarktkrise
erreicht die erfolgsverwöhnten Investmentbanken.


WirtschaftsWoche Nr. 38 vom 17.09.2007, S. 88,
Artikel von Thomas Katzensteiner und Cornelius Welp


Sie müssen sich auf härtere Zeiten einstellen. Inmitten der aktuellen Turbulenzen an den Finanzmärkten ist Josef Ackermann so etwas wie der Fels in der Brandung. Er beruhigt, gibt fast väterlichen Rat, und das stets aus einer Position der Stärke heraus, die suggeriert, dass er sein eigenes Haus in bester Ordnung hat. Er sei "optimistisch für das Geschäftsumfeld der Banken weltweit", sagt er dann etwa. Oder er ermahnt Wirtschaftsprüfer und Finanzaufsicht, einheitliche Regeln für die Bilanzierung von in Paketen gehandelten Krediten zu entwickeln. Dabei hält Ackermann stramm an seinen ehrgeizigen Zielen für 2007 fest. Die vorgegebenen 8,4 Milliarden Euro Gewinn soll die Deutsche Bank ebenso erreichen wie die angestrebte Vorsteuerrendite von 25 Prozent. Fest steht, so scheint es, die Wacht am Main. 

Ackermanns Optimismus teilen längst nicht alle. In den vergangenen Wochen haben Analysten auch die Deutsche Bank mit negativen Prognosen bedacht. Denn beim deutschen Branchenprimus stammen etwa 70 Prozent des Gewinns aus dem Investmentbanking, also dem Geschäft mit Finanzierungen, Wertpapierhandel und Übernahmeberatung. "Wir sind vorsichtig was die Investmentbanken angeht, das gilt vor allem für die Deutsche Bank", warnten etwa Robert Law und Jon Peace von Lehman Brothers. Sie könne wegen des starken Engagements ihrer Londoner Investmentbank bei Zinsprodukten besonders anfällig für künftige Turbulenzen an den Geldmärkten sein. Analysten von J. P. Morgan rechnen deshalb damit, dass der Gewinn in diesem Segment im dritten Quartal um 40 Prozent zurückgeht. Stefan-Michael Stalman von Dresdner Kleinwort erwartet einen Ergebnisrückgang zwischen zehn und 20 Prozent bei der Deutschen Bank, UBS und Credit Suisse. 

Einbußen drohen allen Investmentbanken, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Denn gerade für diese Institute, die in den vergangenen drei Jahren von einem Rekord zum nächsten jagten und ihre Mitarbeiter mit immer fetteren Bonuszahlungen beglückten, wird das Geschäft schwieriger. Die Finanzmarktkrise, ausgelöst vom Einbruch bei schlecht besicherten US-Immobilienkrediten - den so genannten Subprimes - ist bei den Stars der Bankenszene angekommen.

Mit Spannung werden nun die Quartalsergebnisse erwartet, die die US-Häuser Lehman Brothers, Morgan Stanley und Goldman Sachs in dieser Woche bekannt geben werden. Erste Auswirkungen der Subprime-Krise dürften bereits spürbar sein. "Alles spricht dafür, dass die Ergebnisse nicht so sein werden wie zuletzt", sagt Charles Teschner, Bankenexperte und Geschäftsführer der Beratung Booz Allen Hamilton. "Es wird in vielen Bereichen Rückgänge auf der Ertragsseite geben."


Im Zinsgeschäft sind kaum noch Gewinne drin, Hedgefonds brechen reihenweise zusammen. Vor kurzem noch gefeierte Innovationen im Kreditgeschäft will niemand mehr haben. Das Geschäft mit Übernahmen ist im August auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren gefallen. Zudem haben die Banken Probleme, ihre Kreditpa- kete aus fremdfinanzierten Übernahmen zu syndizieren, also an andere Finanzhäuser weiterzuverkaufen. Wenn überhaupt, geht das nur mit empfindlichen Abschlägen. 

Auch Deutsche Bank und J. P. Morgan Chase haben hier bereits schlechte Erfahrungen gemacht: Sie waren bereit, für den Zwölfmillionen-Dollar-Kredit, den der Finanzinvestor KKR zur Übernahme der britischen Drogeriekette Alliance Boots aufgenommen hatte, einen fünfprozentigen Abschlag hinzunehmen. Und bleiben bisher doch auf dem Paket sitzen.

Schon im zweiten Quartal gingen Umsätze und Bruttogewinne der Investmentbanken im Durchschnitt leicht zurück. Doch während das Geschäft mit Übernahmen in diesem Zeitraum noch kräftig zulegte, sind derartige Lichtblicke nun selten geworden. Die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) prognostiziert deshalb, dass die Vorsteuergewinne der fünf größten US-Institute im zweiten Halbjahr im Vergleich zu den ersten sechs Monaten um 70 Prozent fallen könnten. Die Unternehmensberatung Boston Consulting geht von im Schnitt 20 bis 30 Prozent schlechteren Ergebnissen aus. Laut Lehman Brothers stagnieren die Erträge im europäischen Investmentbanking 2007 und 2008.

"Einige Investmentbanken haben in den vergangenen Monaten nur Kapital hin- und her bewegt. Für sie wird es eine neue Erfahrung sein, wenn sie nun einzelne Assets länger halten müssen", sagt ein hochrangiger Manager einer US-Bank. Große Institute könnten Schwankungen durch die Breite ihres Angebots und die weltweite Präsenz noch am besten wegstecken. Andere dagegen würden durch ihr überproportionales Engagement auf dem US-Immobilienmarkt oder im Hedgefondsgeschäft stärker unter Druck geraten. 

Auch Deutsche-Bank-Chef Ackermann hat angekündigt, Schwankungen im Investmentbanking durch höhere Gewinne in "stabileren" Bereichen wie etwa dem Privatkundengeschäft ausgleichen zu wollen. Viele Experten gehen davon aus, dass die Bank auch im Investmentbanking zumindest in den nächsten Monaten weniger stark leidet. Im Vergleich zu vielen US-Wettbewerbern habe sie ein "günstiges Geschäftsportfolio", heißt es in London. So ist sie etwa stark im Geschäft mit den aufstrebenden Schwellenmärkten engagiert, einem der wenigen Segmente, dem Experten neben Devisen- und Rohstoffhandel auch in der näheren Zukunft Zuwächse zutrauen.

Und die Deutsche Bank hat nach Einschätzungen von Insidern keine schwer wiegenden Probleme mit Subprime-Krediten. Mit entsprechenden Finanzprodukten soll sich das Institut schon seit Herbst 2006 gegen das Risiko fallender Immobilienpreise in den USA abgesichert haben. Anshu Jain, oberster Investmentbanker der Deutschen Bank, soll seine Leute früh instruiert haben, dass die Party nun zu Ende gehe und entsprechende Vorkehrungen zu treffen seien.

"Die Deutsche Bank hat ihre Risiken bereits in der Vergangenheit sehr intelligent auch an ihre Kunden weiter gegeben", sagt ein Insider. So sei es ihr etwa gut gelungen, besonders negativ bewertete Kredite, den so genannten Giftmüll, den Hedgefonds anzudrehen. Viele andere sind darauf sitzen geblieben. In London heißt es zudem, die Deutsche Bank habe einen Teil der Risiken an asiatische Investoren weitergereicht.

Die Unsicherheit ist in der Londoner City, dem europäischen Zentrum des Investmentbanking, dagegen bereits spürbar. Die Straßencafés sind angesichts des goldenen Herbstes zwar voll. Doch die Idylle trügt. Unter den Investmentbankern, die in edlen Maßanzügen durch die City eilen, herrscht angespannte Nervosität. "Viele machen sich Sorgen, wie es weitergehen wird. Die Vorsicht nimmt zu", sagt einer von ihnen.

Wo bis vor wenigen Monaten das schnelle Geld verdient wurde, geht nun die Angst vor einer lang anhaltenden Liquiditätskrise, einer Kreditklemme, um. Derzeit sind die Banken nur zu hohen Zinsen willens, sich gegenseitig Geld für mehrere Monate zu leihen, da sie fürchten, dass einige Institute vielleicht doch stärker als zugegeben in die US-Hypothekenkrise verwickelt sind. Als Folge schnellte in London der Satz für Dreimonatsgeld (Libor) in den vergangenen Tagen auf neue Rekordstände.

Hinzu kommt: Die gestiegenen Kreditrisiken haben die kurzfristigen Zinsen in die Höhe schnellen lassen und damit die Refinanzierungskosten der Banken erheblich verteuert: Schätzungen zufolge sollen allein Citigroup, Goldman Sachs, Lehman Brothers, Merrill Lynch und Morgan Stanley gemeinsam 65 Millionen Dollar mehr Schuldendienst auf die von ihnen seit Juli begebenen Anleihen im Gesamtvolumen von neun Milliarden Dollar leisten müssen als vor dem Beginn der Krise.

Gerade das für die Investmentbanken bis vor kurzem besonders lukrative Geschäft mit den Finanzinvestoren wird nun zu einem kritischen Faktor. Neue Übernahmen im großen Stil gibt es kaum noch. "Mehr als 250 Millionen Euro bekommen sie derzeit kaum finanziert", sagt Oliver Wolter, Corporate-Finance-Chef der Rabobank in Frankfurt. Bei höheren Summen kommt es allenfalls zu so genannten Club Deals, bei denen mehrere Banken investieren und sich so das Risiko teilen.

Die Kreditpakete aus Übernahmen, die sich weltweit in den Büchern amerikanischer, europäischer und asiatischer Investmentbanken befinden, sollen sich nach Schätzungen auf rund 300 Milliarden Dollar summieren (siehe Grafik Seite 90). "Bis zum Ende des Jahres wollen die Banken diese Pakete an Investoren abgeben", sagt Wolter.

Noch vor wenigen Monaten war das für die Investmentbanken problemlos möglich, weil alle Marktteilnehmer an den dabei anfallenden Gebühren ordentlich kassierten. Doch inzwischen scheuen die Investoren das Risiko. "Wir sehen einen Käuferstreik. Und der hat schon schon zu mehreren großen Fehlschlägen beim Weiterverkauf von Krediten geführt", sagt Peter Nerby, Senior Vice President bei der Ratingsagentur Moody’s.

Um nicht auf ihren Paketen sitzen zu bleiben, sind die Investmentbanken zu Zugeständnissen gezwungen. "Sie bieten die Pakete mit einem Abschlag von bis zu fünf Prozent an", sagt Wolter. Doch selbst das ist keine Erfolgsgarantie. Dem Vernehmen nach gibt es zum Beispiel neue Probleme bei der Übernahme des IT-Dienstleisters First Data durch den Private-Equity-Investor KKR. Ursprünglich hieß es, das Konsortium um die Credit Suisse, das den Kredit für KKR arrangiert hatte, sei bereit sein, den Löwenanteil des Kreditpaketes mit einem Abschlag von fünf Prozent weiterzureichen, um den Kredit aus den Büchern zu bekommen. Nun gibt es Streit, die Entscheidung wurde vertagt.

Abschläge von bis zu fünf Prozent gelten gerade noch als akzeptabel, weil dies meist den Gebühren entspricht, die die Banken für solche Geschäfte einstecken. Alles darüber hinaus geht ans Eingemachte.

"Die großen Banken haben insgesamt viel zu viel Kreditvolumen auf den Büchern", sagt Wolter. Diese Pakete stauen sich nun bei den Investmentbanken. Ein großes Problem ist angesichts der jüngsten Turbulenzen die Frage, wie man diese Kredite bewerten soll. Einheitliche Maßstäbe gibt es nicht, weswegen auch die neuen Veröffentlichungen der Bankergebnisse mit vielen Fragezeichen versehen sein werden.

Manche Investmentbanken sollen ihren Private-Equity-Kunden bereits angeboten haben, die Strafgebühr für bereits vereinbarte Übernahmen zu übernehmen, wenn diese den Deal absagen. So sollen sie etwa dem Investor KKR eine Milliarde Dollar offeriert haben, wenn der die Übernahme des texanischen Energiekonzerns TXU abbläst.

In Nachverhandlungen über die Finanzierungen sind die Investmentbanken oft in keiner guten Position. So haben sie in den vergangenen Monaten auf zahlreiche Klauseln verzichtet, die früher üblich waren. "Die Verträge sehen oft keine Ausstiegsmöglichkeiten mehr für den Fall vor, dass sich die Märkte gravierend ändern", sagt Ulrich Wolff, Partner bei der Anwaltskanzlei Linklaters in Frankfurt. Wenn überhaupt, gibt es Anpassungsklauseln. Höhere Zinsen helfen den Banken aber hier nicht immer. In den Verhandlungen geht es oft darum, den Abschluss des Geschäfts zu verschieben und auf bessere Zeiten zu hoffen. "Grundsätzlich sind die Finanzinvestoren dabei durchaus kooperativ", sagt Wolff. "Schließlich wollen sie auch in Zukunft noch Geschäfte mit den Banken machen."

In der Tat sind die Private-Equity-Manager durchaus bereit, ihren Partnern entgegenzukommen. Allerdings nicht allzu weit. "Eine gute Syndizierung der Kredite ist auch in unserem Interesse", sagt Steven Koltes, Managing Partner beim Investor CVC Capital Partners. "Aber es gibt auch Fälle, in denen man nicht nachgeben kann."

Dass die Investmentbanken nun gezwungen sind, die Kreditpakete mit Abschlägen am Kapitalmarkt zu platzieren, könnte den Finanzinvestoren sogar eine neue Geschäftsmöglichkeit eröffnen: Sie kaufen die günstigen Kredite an die von ihnen beherrschten Unternehmen selbst zurück. "Wir wissen genau, wie gut ein solcher Kredit ist, weil wir das Unternehmen kennen", sagt Koltes. "In einigen Fällen könnte es sich deshalb rechnen, solche Kredite zu kaufen". Den gewaltigen Stau auf dem Zweitmarkt für Kredite werden sie aber nicht auflösen können. Dafür ist das Volumen an nicht syndizierten Krediten vor allem in den USA inzwischen zu groß.

Wie sich die Lage mittelfristig entwickelt, ob die gegenwärtige Eintrübung vorübergehend oder von Dauer sein wird, will niemand voraussagen. "Kurzfristig wird es deutliche Ergebniseinbußen bei Investmentbanken geben, insbesondere wegen der Neubewertung der Anleihebestände", sagt Robert Grübner, Partner bei der Boston Consulting Group. "Die mittelfristige Entwicklung hängt von den realwirtschaftlichen Folgen der Kapitalmarktkrise ab. Die Marktbedingungen für Investmentbanken waren in den letzten drei Jahren historisch gesehen einzigartig gut - eine Trendwende ist jetzt wahrscheinlicher geworden."

Selbst die Übernahmeschlacht um die niederländische Großbank ABN Amro gerät immer mehr in den Strudel der Krise an den Kapitalmärkten. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass die britische Barclays Bank mit ihrem auf eigenen Aktien basierenden Angebot Erfolg haben wird. Angesichts von Spekulationen um eine Subprime-Krise ihrer Investmentbanktochter Barclays Capital war der Aktienkurs von Barclays um mehr als ein Fünftel eingebrochen. Damit ist die überwiegend bar finanzierte Offerte des rivalisierenden Konsortiums unter Führung der Royal Bank of Scotland (RBS) zwar attraktiver geworden. Doch könnten die RBS-Aktionäre den Appetit auf den teuren Deal verlieren, und die Notbremse ziehen und auf eine Senkung des Übernahmepreises bestehen. Am 20. September werden die ABN-Aktionäre über die beiden Angebote abstimmen.

Die erfolgsverwöhnten Investmentbanker in London stellen sich jedenfalls schon mal auf härtere Zeiten ein. Die Boni, die 2006 auf eine Rekordhöhe von insgesamt 14 Milliarden Pfund geschnellt waren, dürften um mindestens zehn bis 15 Prozent niedriger liegen. Zudem könnte rund die Hälfte der 10 000 neuen Jobs, die 2006 im Londoner Finanzdistrikt geschaffen wurden, ersten Schätzungen zufolge wiederflöten gehen könnten. "Wenn die Profitmargen der Banken schrumpfen", warnt Moody’s-Manager Nerby, "sparen sie zuerst bei den Boni und dann beim Personal."

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