Pressearchiv


Bioenergie bringt billiges Eiweiß


DLG-Mitteilungen, July 2007, von Emma Cardy-Brown, Rabobank, Utrecht


Schweine- und Geflügelhalter spüren derzeit nicht nur den Wettbewerbsdruck vom Weltmarkt, sondern auch die Flächen- und Rohstoffkonkurrenz der Bioenergieerzeuger. Aber gerade darin liegen auch Chancen, sagt Emma Cardy-Brown.

Das weltweit gültige Grundrezept der Fleischproduktion ist einfach: Nehmen Sie Getreide, Ölsaaten, Mineralstoffe und Vitamine, mischen Sie diese mit Wasser, füttern Sie die Mischung einer hochspezialisierten Genetik und platzieren Sie diese in einer optimalen Umwelt. Geben Sie Geflügel sechs Wochen und Schweinen, sechs Monate Zeit zum Wachsen, und verarbeiten Sie diese den Marktanforderungen entsprechend.

Das künftige globale Gleichgewicht von Fleischangebot und Futtermittelnachfrage wird stark von der Entwicklung der Schwellenländer abhängen. Diese bedrohen die Fleischproduktion - und damit verbunden auch die Futtermittelnachfrage - in der EU-15, in den USA und in Kanada in dreierlei Weise:

Produktionspotential. Standorte wie Brasilien besitzen ein immenses Produktionspotential. Würde dieses genutzt, könnten die Exportmärkte innerhalb kürzester Zeit überschwemmt werden. Berücksichtigt man den Zugang zu lokal verfügbaren Futtermitteln und zu billiger Arbeitskraft, besitzt Brasilien gegenüber den traditionellen Märkten einen langfristigen Vorteil in der Fleischproduktion. Die 12 neuen Mitgliedstaaten der EU lassen sich ebenfalls in diese Gruppe von Wettbewerbern einordnen, die um zusätzliche Marktanteile in der weltweiten Fleischproduktion konkurrieren werden.

Selbstversorgungsgrad. Russland war in den letzten Jahren ein bedeutender Fleischimporteur. Durch die angestrebte Selbstversorgung könnte sich der Wettbewerb um den Marktzugang unter den weltweit führenden Fleischexporteuren verschärfen. Dies ginge zu Lasten der bislang umfangreichen Exporte aus Westeuropa.

Nachfrage nach Rohstoffen. Es ist unwahrscheinlich, dass China und Indien sich in die Gruppe der führenden Schweine- und Geflügelfleischexporteure einreihen werden. Die potentielle Bedrohung der Märkte durch diese beiden asiatischen Länder ist eher dadurch gegeben, dass sie zur Ernährung ihrer Bevölkerung auf umfangreiche Futtermittelimporte angewiesen sind, was sich wiederum auf die Rentabilitätsgrenzen in der Fleischproduktion auswirkt.

Gemeinsamer Motor für die Entwicklung in allen genannten Schwellenländern ist die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes. Mit zunehmender Kaufkraft der Bevölkerung verbessert sich automatisch auch ihre Ernährung. Dies bedeutet vor allem einen steigenden Verzehr tierischen Proteins. Langfristig dürfte der Fleischverzehr Werte erreichen, die denen der etablierten Märkte – etwa in der EU-15 – entsprechen.

Die Entwicklung der Schweine- und Geflügelfleischproduktion in den Schwellenländern bedeutet nicht nur Wettbewerb beim Fleischabsatz, sondern auch eine steigende Nachfrage nach Rohstoffen für die Futtermittelproduktion, also nach Getreide und Ölsaaten. Diese neue Nachfrage wirkt sich auf das Gleichgewicht in der Wertschöpfungskette der Fleischproduktion aus: Steigende Preise für Futtermittelrohstoffe erhöhen die Futtermittelkosten und führen damit auch zu steigenden Fleischpreisen.

Aber Mais, Getreide und Ölsaaten sind auch die Rohstoffe der schnell wachsenden Bioenergiebranche. Wie wird die Futtermittelindustrie den Energiebedarf für die Fütterung von Schweinen und Hühnern decken, wenn die Ausgangsstoffe hierfür von Bioethanol- und Biogasanlagen geschluckt werden?

Preisschwankungen für Futtermittel nehmen zu. Die Entwicklung des Biotreibstoffsektors wird erhebliche Konsequenzen für die Futtermittel- und Fleischbranche der EU-15 und Nordamerikas haben. Dort stützt sich die Entwicklung von Biotreibstoffen größtenteils auf Mais und Ölsaaten, beides traditionelle Futtermittelkomponenten. Schon jetzt gibt es einschneidende Änderungen in den Anbauflächen, was sich auf die gesamte Pflanzenproduktion auswirkt: Die Anbaufläche für den Biotreibstoffeinsatz steigt und drängt damit den Anbau anderer Kulturen zurück.

Die Rohstoffpreise für Getreide und Ölsaaten waren in jüngster Zeit hoch, was auf niedrige Erträge infolge ungünstiger Wetterbedingungen und knapper Lagerbestände zurückzuführen war. Biotreibstoffe werden die Schwankungen bei den Rohstoffpreisen weiter erhöhen. Diese Entwicklung ist unvermeidbar.

Die Biotreibstoffe bieten der Mischfutterherstellung aber auch Chancen. Mit der Herstellung von Biotreibstoffen wird der Nahrungsmittelkette zwar Energie entzogen. Allerdings entstehen im Produktionsprozess auch Nebenprodukte, die sich durchaus zum Einsatz in der Tierernährung eignen. Der Nährwert bzw. die Einsatzmöglichkeit dieser Nebenprodukte variiert. So wird getrocknete Ethanolschlempe künftig in den ethanolproduzierenden Gegenden der USA im Überfluss vorhanden sein. Das gilt gleichermaßen für Rapsschrot in Europa.

Nach Schätzungen der Rabobank können die EU-15 und die USA zusammen bis zu 63 Mio. t Schlempepellets aus der Ethanolherstellung verwerten. Von diesem Futtermittel fallen bis 2010 voraussichtlich 25 Mio. t in Nordamerika und Westeuropa an. Schlempepellets werden daher zusammen mit den traditionellen Komponenten einen wichtigen Platz in der Futtermittelherstellung einnehmen.

Der maximal mögliche Einsatz von Rapsschrot im Futter liegt weltweit etwas unter 52 Mio. t. Verschiedene Produktionsschätzungen gehen von 37,7 Mio. t aus, was rund 73% des maximal möglichen Einsatzes entspricht. Berücksichtigt man die übrigen auf dem Markt zur Verfügung stehenden Proteinquellen, so dürfte bei Rapsschrot von einem potentiellen Überangebot auszugehen sein. Die Bilanz der verfügbaren Rohstoffe für die Tierernährung sieht also folgendermaßen aus: Proteinquellen werden zunehmen und Kohlenhydratquellen abnehmen.

Der Eiweißanteil im Mischfutter wird stark steigen und Getreide ersetzen. Hinter dem typischen Futter für Geflügel und Schweine, das weltweit den Löwenanteil des Futtermittelmarktes ausmacht, steckt eine einfache Rechnung: 20 bis 25% Proteine für Wachstum und Fruchtbarkeit und 75 bis 80% Kohlenhydrate und Fett für die täglichen Zunahmen und die Erhaltung der Körperfunktionen. Seit jeher ist das Eiweiß knapp und verursacht daher die meisten Kosten in der Ration.

Mit fallenden Proteinpreisen könnte dessen Anteil in der Ration allerdings erhöht werden, und zwar je nach Qualität des eingesetzten Eiweißes bis etwa 35%.

Steigen die Preise für Futterenergie - also für Mais und Getreide -, kann der Futtermittelproduzent deren Anteil zurückschrauben und dadurch steigende Maispreise abfedern. Begrenzende Faktoren für den Anteil des eingesetzten Proteins sind die damit einhergehenden höheren Nitrat- und Phosphorausscheidungen durch die Tiere. In Europa mit seiner strengen Umweltgesetzgebung kann dies zum Problem werden. Sollten die EU und das »grüner« werdende Nordamerika sich dazu entschließen, ihre Programme zur ökologischen Nachhaltigkeit auszudehnen, könnten diese überschüssigen Stickstoff- und Phosphormengen zu Dünger aufbereitet und das Methangas in Energie umgewandelt werden. So ließe sich der Kreislauf zwischen Boden, Pflanze und Tier schließen.

Die Entwicklung neuer Schwerpunktregionen der Fleischproduktion wird die derzeitigen Handelsströme von Fleisch zwischen »alten« und »neuen« Märkten verändern. Zwar sorgen das nordamerikanische Handelsabkommen und die EU auch in Zukunft für eine gewisse Stabilität auf den heimischen Fleischmärkten. Auf den internationalen Exportmärkten jedoch wird der Wettbewerb durch die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) und andere aufstrebende Schwellenländer zunehmen.

Diese Änderung der Handelsmuster wird unweigerlich auch die Futtermittelnachfrage beeinflussen. Reife Märkte werden stagnieren. Das Wachstum bei Mischfutter in Nord-amerika und stärker noch in der EU-15 wird daher abflachen und bei einigen Produkten auch schrumpfen. Mit dem Anstieg des Wettbewerbes im internationalen Fleischhandel wird auch die Konkurrenz um die nötigen Vorprodukte steigen, also auch diejenige um Futtermittel.

Fleischproduzenten und Rinderzüchter sind am ehesten dazu in der Lage, die Nebenprodukte der Energieproduktion zu nutzen und werden damit am wenigsten von Änderungen in den Produktionskosten betroffen sein. Den stärksten Einfluss auf die Futtermittelverfügbarkeit in der Rinderhaltung wird die Flächenkonkurrenz von Acker- und Grasland bzw. in Mitteleuropa die Konkurrenz um Silomaisflächen darstellen. Dies lässt eine intensivere Nutzung der Weideflächen erwarten. Ein Anstieg der Rinderhaltung in spezialisierten Mastanlagen, und eine Zunahme der Milchviehhaltung sind ebenfalls denkbar.

Die Geflügelbranche wird von den Marktänderungen am stärksten betroffen sein. Da Eiweißträger aus der Biodieselherstellung nur in begrenzter Menge eingesetzt werden können, um die immer teurer werdenden Komponenten Mais und Getreide zu ersetzen, wird es ein »Energieloch« geben. Da die Geflügelmäster von allen Fleischerzeugern die geringste Verwertungsmöglichkeit für Rapsschrot im Futter haben, werden sie am stärksten unter den steigenden Mais- und Getreidepreisen leiden.

Strategische Optionen. Eine Möglichkeit für Tierhalter und Unternehmen der Fleischindustrie, auf die neue Konkurrenz um Rohstoffe und Märkte zu reagieren, ist es, selbst in die neuen Märkte zu investieren. Aber das ist nicht der einzige gangbare Weg. Es ist auch in den konsolidierten Märkten Westeuropas möglich, sowohl Umsatz als auch Gewinn zu steigern. Dazu ist es allerdings nötig, die vielbeschworene Marktführerschaft in den Kosten zu erlangen.

Die Fleischerzeugung in reifen Märkten unterliegt in der Regel schärferen Anforderungen und Kontrollen als in den neuen Märkten, was sich regelmäßig in Kostennachteilen niederschlägt. Aber die (teuren) höheren Anforderungen bergen auch Chancen. Nämlich dann, wenn es gelingt, diese Anforderungen als Qualitätsvorteil herauszustellen.

Reife Märkte haben aber auch Vorteile durch die Bereitstellung von
Nebenprodukten der Biokraftstoffe. Diese fallen vornehmlich in den entwickelten Ländern an. Dies gibt Flexibilität, die in den neuen Marktverhältnissen auch nötig ist. So lässt sich die einseitige Abhängigkeit von einzelnen Futtermitteln, vor allem vom Mais, vermindern. Durch günstige Ersatzstoffe für Getreide und Ölsaaten lassen sich künftige Preisschwankungen begrenzen. Allerdings ist es dazu auch wichtig, die Inhaltsstoffe der Nebenprodukte genau zu bestimmen, um eine optimale Futterverwertung zu erzielen.

Fazit. Mit steigender Kaufkraft in den BRIC-Ländern wächst nicht nur die Konkurrenz durch neue Agrargiganten wie Brasilien. Der steigende Verbrauch von Getreide in den bevölkerungsreichen Ländern Asiens wirkt sich ebenfalls auf die Märkte aus. Damit stehen die »alten« Märkte unter hohem Anpassungsdruck. Bezieht man die Nachfrage nach Biotreibstoffen in die Berechnungen ein, wird der Druck noch größer. Die Anforderung an die Landwirtschaft, Rohstoffe für die Treibstoffherstellung zu liefern, wird steigen. Dies bedeutet für die Landwirte zweifelsfrei erhebliche Veränderungen, die aber auch mit neuen Chancen - etwa günstigeren Preisen für Eiweißträger - verbunden sind.

Von Emma Cardy-Brown, Rabobank, Utrecht.


Zurück zum Pressearchiv