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Herausforderungen Milchmarkt: Chancen und Risiken
Int. Milchbauern-Kongress 2008, 22.1.08 in Berlin,
Vortrag von Florian Engler, Milchwirtschaftsexperte der Rabobank International Frankfurt
Die weltweit stark zunehmende Nachfrage nach Milchprodukten basiert maßgeblich auf einer wachsenden Weltbevölkerung und einem seit Jahren anhaltend starkem Wirtschaftswachstum, das weit über dem Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte liegt. Vor allem in den Schwellenländern (BRIC-Staaten) und Erdöl exportierenden Ländern werden mit steigendem Einkommen, aber auch aufgrund des globalen Trends zur Verstädterung bzw. Verwestlichung des Lebensstils zunehmend höherwertige Lebensmittel nachgefragt. Dies hat dazu geführt, dass der Konsum von Milchprodukten bereits seit einigen Jahren das Angebot weltweit übersteigt. Dieser Nachfrageüberhang konnte bis Anfang 2007 durch den Abbau von Lagerbeständen überbrückt werden. Im Frühjahr 2007 waren weltweit diese Vorräte aufgebraucht. Die starke Nachfrage konnte aus der laufenden Erzeugung nicht mehr ausreichend bedient werden. Die Gebote am internationalen Markt zogen kontinuierlich an. Am Weltmarkt wie auch innerhalb der EU und Deutschlands erreichten die Preise neue Rekorde. Während in der Vergangenheit die Weltmarktpreise stets deutlich unter dem Niveau der Europäischen Union lagen, haben sie 2007 die EU-Notierungen zeitweise überschritten. So wirkten Drittland-Exporte als treibende Kraft für die Preissteigerungen auf dem Binnenmarkt, und dies trotz der ungünstigen Wechselkursentwicklung. Der Dollar hat gegenüber dem Euro seit Anfang 2005 etwa 40 Prozent seines Wertes eingebüßt, dem entsprechend verteuern sich die Exporte.
Ausschlaggebend für diese extreme Entwicklung war jedoch, dass einige Geschehnisse auf der Angebotsseite zusammentrafen, die zu einer kurzfristigen Verknappung des Milchangebots auf dem Weltmarkt führten und so von niemandem vorauszusehen waren.
Australien, einer der größten Anbieter von Milchprodukten auf dem Weltmarkt, wurde von einer extremen Dürre heimgesucht. Die Milchproduktion wurde empfindlich getroffen und ging um rd. 10% zurück. Argentinien, ein weiterer Akteur auf dem Weltmarkt, litt unter einem sehr heißen Sommer (2006/2007) und anschließenden Überschwemmungen im Frühjahr (2007), die ebenfalls in Uruguay die Milchproduktion stark beeinträchtigten. In der Folge wurden die Exporte politisch motiviert (Ausfuhrsteuern und Ausfuhrverbote) eingeschränkt. Hinzu kam, dass die EU in 2006 fast 1% weniger Milch erzeugte als im Jahr zuvor und die Binnennachfrage seit Jahren kontinuierlich zunimmt. Ein weiterer Mosaikstein im Gesamtbild des Milchsektors sind die boomenden Biotreibstoffe (USA aber auch Südamerika). Diese beeinflussen weltweit das Futtermittelangebot und deren Preise, was derzeit die Milchproduktion global bremst.
In der zweiten Jahreshälfte 2007 führte dies alles zu einem höheren Milchauszahlungspreis für die Bauern von Neuseeland bis nach Brasilien und von den USA bis nach China. Dieser extrem hohe und schnelle Preisanstieg für Milchprodukte hat jedoch auch seine Schattenseiten. Milch ist mittlerweile nicht nur absolut sondern auch relativ teuer geworden. Während in den Industriestaaten die Konsumenten in ihrer Nachfrage relativ preisunempfindlich sind, trifft die Verteuerung von Milchprodukten vor allem die ‚Neuen Konsumenten’ in den Schwellenländern (Wachstumsmärkte). Auf diesen Märkten ist durchaus mit Reaktionen zu rechnen. Darüber hinaus versucht die verarbeitende Industrie zum Teil ihre Rezepturen anzupassen und Milch durch andere Komponenten zu ersetzen. Sollte Milchfett und Milcheiweiß im Verhältnis zu pflanzlichen Fetten und Eiweißen teurer bleiben, werden diese zum Teil substituiert. Erste Beispiele dafür gibt es in der Speiseeisindustrie. Hier wird Butter/Sahne bereits durch pflanzliche Fette ersetzt.
Perspektiven für die Zukunft
Während sich in 2007 das Milchdefizit ohne die Möglichkeit des Ausgleichs über Lagerbestände in einem Preishype wiederspiegelte, wird in den nächsten Jahren ein neues Marktgleichgewicht zu finden sein. Entscheidend für die Höhe der Preise wird die zukünftige Entwicklung des Angebots und der Nachfrage sein.
Die Fundamentaldaten sprechen weiterhin für ein stabiles Wachstum bei der Nachfrage. Vor allem Asien, der Mittlere Osten, Teile Afrikas und Lateinamerika werden die treibenden Regionen sein. Mit einem Wachstumspotential bei der Nachfrage von jährlich 3 - 10% wird in diese Regionen das vorhergesagte weltweite Wachstum von ca. 2,5% p.a. erheblich überschritten. In Europa fallen die Zuwachsraten mit ca. 0,6% deutlich geringer aus und resultieren vorwiegend aus der steigenden Nachfrage aus den neuen Beitrittsländern. Dabei ist jedoch das hohe Ausgangsniveau, auf dem sich die EU befindet, zu beachten. Die Europäische Kommission geht davon aus, dass zur Deckung der Binnennachfrage zwischen 2007 - 2014 zusätzlich ca. 8 Mio. Tonnen Milch erforderlich sind.
Setzt man das prognostizierte Nachfragewachstum mit der Entwicklung der weltweiten Milchproduktion in Relation, stellt sich die Frage ob und von wem zukünftig die Nachfrage bedient werden kann. Man geht davon aus, dass es eine erhebliche Herausforderung sein wird, das weltweite Nachfragepotential von rd. 2,5% Wachstum überhaupt bedienen zu können. Zwischen 2000 2005 ist das Milchangebot jährlich im Durchschnitt um ca. 1,7% gewachsen. Den stark wachsenden Nachfrageregionen Asiens, Teilen Afrikas, dem Mittleren Osten und Lateinamerikas wird es zum Teil kaum gelingen ihren eigenen Bedarf zu decken, geschweige denn zusätzlich nennenswerte Mengen für den wachsenden Weltmarkt zur Verfügung zu stellen. Bei näherer Betrachtung des globalen Marktes scheint es, als ob die EU und die USA die beiden einzigen Region sind, die den steigenden Bedarf des Weltmarktes in den nächsten drei bis vier Jahren decken könnten.
Die US Milchproduktion wächst, wird aber in ihrer Dynamik maßgeblich von der weiteren Entwicklung der Futterkosten (Getreide-, Maispreis) und somit direkt vom Ölpreis bzw. der Biotreibstoffpreise bestimmt werden.
In der EU gibt es zwar die Möglichkeit innerhalb der bestehenden Milchquote die Produktion auszuweiten, jedoch bremst das relativ starre Quotensystem die Vollausschöpfung. Während Milcherzeuger in Irland, Dänemark, den Niederlanden und im Norden Deutschlands ihre Produktion gerne ausdehnen würden, erfüllen z.B. das Vereinigte Königreich, Frankreich und Ungarn ihre Quote nicht. Dies hat im Quotenjahr 2006/2007 zu einer Nettounterschreitung der Quoten in der EU um rd. 1,9 Mio. Tonnen geführt. Mit einer Anhebung der Milchquote in 2008/2009 um 2% würde zwar ein Produktionsspielraum von rd. 5,7 Mio. Tonnen geschaffen werden, jedoch ist es sehr fraglich, ob dies kurzfristig ausgeschöpft werden kann. Vor allem hohe Futter- und Landpreise, fehlendes Zuchtvieh und steigende Nutzungskosten für knappes Land bremsen die Ausdehnung der Erzeugung.
Dennoch wird in Europa die Diskussion über eine Erhöhung der Milchquoten sehr unterschiedlich geführt. Hintergrund dafür sind die sehr heterogenen Strukturen in der europäischen Milchindustrie. Während sich in Skandinavien, Irland, den Benelux-Staaten und Frankreich in den letzten Jahren global agierende Molkereiunternehmen entwickelt haben, die bereits heute vom starken Wachstum der globalen Milchnachfrage profitieren, überwiegen in Ländern mit relativ schwachen Molkereistrukturen die Bedenken gegen eine weitere Liberalisierung des Milchmarktes. Viele der erfolgreichen Unternehmen sind Genossenschaften, die mit Rückendeckung ihrer Mitglieder über die Jahre sehr erfolgreich internationale Wachstumsmärkte erschlossen haben. Ihre Mitglieder möchten von der weltweiten Entwicklung profitieren und sind deshalb bereit, weiter in die Milcherzeugung zu investieren. Es zeigt, dass Milcherzeuger durchaus der Meinung sind, langfristig von starken wettbewerbsfähigen Molkereistrukturen zu profitieren.
Leider muss man auch konstatieren, dass es die deutsche Milchwirtschaft trotz großer Bemühungen in den letzten Jahren nicht geschafft hat, ihre Strukturen gegenüber dem internationalen Wettbewerb maßgeblich zu verbessern. Aus Sicht der deutschen Milcherzeuger ist ein starker Wettbewerb der Molkereien um den Rohstoff Milch auf den ersten Blick vielleicht von Vorteil (siehe Milchpreisentwicklung 2007), langfristig wird sich dies jedoch für die ganze Branche als Nachteil erweisen. Wettbewerb ist gut; wird dadurch jedoch die Leistungs- und Entwicklungsfähigkeit der gesamten Wertschöpfungskette beeinträchtigt, geht dies letztendlich zu Lasten der Erzeuger. Milchpreise werden einzig über den Markt bestimmt wobei große leistungsfähige Unternehmen ihren Lieferanten zukünftig einfach mehr Chancen bieten, um sich als Milchproduzenten weiter entwickeln zu können.
Mit einer weiteren Liberalisierung des EU-Milchmarktes (Auslaufen der Milchquote) wird sich die Produktion auf die Gunststandorte Europas verlagern. An den Küsten und auf Gründlandstandorten wird mehr Milch produziert, wohingegen in Südeuropa und auf klassischen Ackerbaustandorten die Milchproduktion tendenziell an Bedeutung verlieren wird.
Was die Milchpreisentwicklung betrifft, scheinen die Rekordpreise von August 2007 jedoch nicht unbegrenzt Bestand zu haben. Bei Milchpreisen von über 40 Cent/kg wird die Welt sehr schnell deutlich mehr Milch produzieren. Auch wenn die Notierungen Ende 2007 bereits eine Korrektur erfahren haben, geht keiner davon aus, dass die Preise wieder auf das Niveau von 2006 zurückfallen. Deutlich gestiegene Produktionskosten und ein schwacher US-Dollar begrenzen das Angebot. Die Weltmarktpreise müssen zwangsläufig auf hohem Niveau verbleiben, damit die dynamische Nachfrage und das offensichtlich begrenzte Angebot ein neues Gleichgewicht finden.
Die Preise für Agrarrohstoffe werden auch in Europa zunehmend von weltweiten Entwicklungen bestimmt und an Volatilität zunehmen. Warum dieses auch für den Milchmarkt angenommen werden kann zeigt ein Blick auf den Weltmilchmarkt. In 2006 wurden rd. 46 Mio. Tonnen an Milchprodukten weltweit gehandelt (7% der Weltmilchproduktion), wobei alleine vier Regionen für 2/3 des Handelsvolumens stehen (Neuseeland, Australien, EU und USA). Kommt es bei diesem relativ geringen Handelsvolumen zu unvorhergesehenen Entwicklungen auf Seiten der Anbieter bzw. zu Reaktionen einzelner Nachfrager, können bereits geringe Verzerrungen große Preissprünge auslösen. Bei Betrachtung des Weltmilchmarktes wird deutlich, wie dünn die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage ist. Bei einer Weltmilchproduktion in 2006 von rd. 645 Mio. Tonnen wurden 647 Mio. Tonnen nachgefragt, dies entspricht einem Defizit von nur 2,0 Mio. Tonnen (0,3% der Weltmilchproduktion). Untermauert werden die zunehmenden Schwankungen in Zukunft noch durch die weltweit fehlenden Lagerbestände, die in der Vergangenheit eher ausgleichend gewirkt haben. Angebot und Nachfrage treffen nun ohne verzerrende Wirkung aufeinander und bestimmen den Preis. Dass sich Milchpreise in Zukunft innerhalb kurzer Zeit erheblich nach oben oder unten bewegen können, stellt viele Erzeuger vor neue Herausforderungen. Liquidiätsmanagent zur Erhaltung der Stabilität der Betriebe wird zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Angesichts des weltweitem Ungleichgewichtes von Angebot und Nachfrage und der daraus resultierenden Preisdynamik, konnte die Liberalisierung des EU-Milchmarktes zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen. Es wäre sogar ein höheres Tempo angebracht, um sich die besondere globale Situation zunutze zu machen. Wie die Dinge zurzeit stehen, ist auf dem Weltmarkt Platz für mehr Milch aus der EU.
Florian Engler ist im Firmenkundengeschäft der Rabobank International in Frankfurt am Main zuständig für den Milchsektor. Die Rabobank ist international einer der wichtigsten Finanzpartner für die Agrar- und Lebensmittelindustrie. Sie beschäftigt in einer speziellen Forschungsabteilung weltweit 80 Analysten, die sich mit den Entwicklungen und Trends auf den internationalen Agrarmärkten auseinander setzen.
Für weitere Informationen steht Ihnen Frau Kirstin Rötzer unter der email Kirstin.Roetzer@rabobank.com zur Verfügung.
Hier kommen Sie zur Website des Deutschen Bauernverbands.
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